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Tierversuche beenden: Sind Organ-on-a-Chip und Alternativen die Zukunft der Medizin?

In der biomedizinischen Forschung lodert eine der hitzigsten Debatten um Tierversuche. Befürworter, darunter viele Wissenschaftler, betonen ihre zentrale Rolle beim Verständnis grundlegender biologischer Prozesse und Krankheitsmechanismen. Sie seien unerlässlich, um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Medikamente und Chemikalien zu prüfen – und verweisen auf zahlreiche erfolgreiche Therapien, die daraus hervorgingen. Gegner sehen darin eine ethisch unhaltbare Belastung für Tiere zum menschlichen Nutzen. Zudem kritisieren sie, dass Ergebnisse aus Tierstudien oft nicht auf den Menschen übertragbar sind, da physiologische Unterschiede zu groß sind.

Fortschrittliche Alternativen

Tierschützer fordern seit Langem den Einsatz von Alternativen wie kultivierten menschlichen Stammzellen in Laborschalen, Computermodellen oder optimierten klinischen Studien statt Tierversuchen. In den letzten Jahren haben sich diese Technologien so weit entwickelt, dass sie nun ernstzunehmende Optionen darstellen. Viele Forscher greifen bereits darauf zurück. Dr. Donald Ingber, Direktor des Wyss Institute for Biologically Inspired Engineering an der Harvard University, fasst es treffend zusammen: „Es kommt zu einem Wendepunkt.“

Die genaue Zahl der in der Forschung genutzten Tiere ist schwer zu erfassen, da die Erfassung landesspezifisch variiert. Schätzungen sprechen von über 100 Millionen Tieren weltweit pro Jahr. Der Großteil dient der Grundlagenforschung und Züchtung genetisch modifizierter Modelle. Nur ein kleinerer Anteil wird für Tests von Medikamenten oder Chemikalien eingesetzt. Über 95 Prozent der Tiere sind Mäuse, Ratten, Vögel und Fische; daneben kommen andere Arten zum Einsatz, wie rund 60.000 Makakenaffen jährlich in den USA, Europa und Australien.

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Die Beiträge der Tierversuche zur menschlichen Gesundheit sind unbestritten. Im 19. Jahrhundert nutzte Louis Pasteur Tiermodelle, um Mikroorganismen als Krankheitserreger zu identifizieren und einen Tollwutimpfstoff zu entwickeln. Insulin wurde durch Tierstudien entschlüsselt, Penicillin an Mäusen erprobt, Bluttransfusionen an Kaninchen verfeinert und Nierentransplantationen an Hunden und Schweinen getestet.

Aktuelle Erfolge bestätigen dies: Makaken mit SIV (Affen-HIV) halfen bei der Entwicklung antiretroviraler Therapien und HIV-Impfstoffstrategien. Tiefenhirnstimulation für Parkinson-Patienten (ca. 20.000 Nutzer) basiert auf Ratten- und Affenmodellen. Affenstudien treiben zudem Brain-Machine-Interfaces voran, die Gelähmten alltägliche Aufgaben wie das Trinken einer Tasse Kaffee ermöglichen.

Aussterbende Praxis?

Viele Experten räumen ein, dass Tierversuche nicht mehr immer der optimale Weg sind. Prof. Thomas Hartung, Toxikologe und Direktor des Centers for Alternatives to Animal Testing an der Johns Hopkins University, erklärt: „Tierversuche sind wichtig gewesen – sie haben Medikamente entwickelt und die Welt sicherer gemacht –, doch oft täuschen sie.“ Der Konsens über ihre Grenzen wächst, „der Mythos vom Goldstandard verblasst“.

Tierversuche beenden: Sind Organ-on-a-Chip und Alternativen die Zukunft der Medizin?

Unter Forschern und Öffentlichkeit mehrt sich die Forderung nach Reduktion. Die EU, Israel und Indien haben Tiertests für Kosmetika verboten; andere Länder folgen. Das Vereinigte Königreich war 1989 Vorreiter. Weltweit sinkt der Primateneinsatz, insbesondere bei Schimpansen. Aufsichtsbehörden wie die FDA prüfen Alternativen, Firmen integrieren sie in ihre Prozesse, so Ingber.

Zeitenwende durch bessere Modelle

Nicht nur Ethik treibt den Wandel: Menschliche Gewebe-Modelle liefern oft präzisere Ergebnisse. Viele Kandidaten, die an Nagetieren wirken, scheitern am Menschen – 9 von 10 Krebsmedikamenten, 98 von 100 neurologischen Mitteln. Bessere Modelle könnten dies ändern.

Manche Erkrankungen lassen sich gar nicht in Tieren nachstellen. Neurowissenschaftler Alysson Muotri (UC San Diego) modellierte das Aicardi-Goutières-Syndrom (AGS): Gentechnisch veränderte Mäuse zeigten keine Symptome, Patienten-Stammzell-Organoide hingegen den Fehler – eine menschenspezifische Immunreaktion. „Eine echte menschliche Störung, unsichtbar bei Mäusen oder Primaten“, betont Muotri.

Tierversuche beenden: Sind Organ-on-a-Chip und Alternativen die Zukunft der Medizin?

Besonders vielversprechend: „Organ-on-a-Chip“-Technologie. Ingber und Team haben 15 Chips entwickelt, die Lunge, Darm, Niere oder Knochenmark simulieren. Chip-Größe eines USB-Sticks, mit Kanälen, Zellen, künstlichen Gefäßen – inklusive Blutdruck und mechanischer Kräfte. Bis zu 10 Chips vernetzt testen Organsystem-Interaktionen. Sie modellieren Krankheiten wie Lungenödem, Asthma oder Arzneimitteltoxizitäten präzise, auch mit Patientenzellen.

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Pharma-Riese Roche nutzt Organ-Chips seit drei Jahren zur Sicherheitstests. „Völlig neue Möglichkeiten in Biologie und Drug Discovery – besser als jedes Tier“, sagt Thomas Singer, Global Head of Pharmaceutical Sciences. Die Technologie boomt.

Mini-Organe aus dem 3D-Drucker

Prof. Anthony Atala (Wake Forest Institute) druckt mit 3D-Druckern Gewebe wie Blasen oder Nieren aus menschlichen Zellen. „Miniaturisierte menschliche Organe“ – ideal für Massentests. Zunächst Ergänzung, langfristig Ersatz für Tiermodelle.

Toxikologie eignet sich perfekt für Alternativen: Tierstudien sind ungenau, teuer, langsam. Hartung et al. entwickelten Computermodelle zur Toxizitätsvorhersage basierend auf Struktursimilarität – „erstaunlich mächtig“.

Experten erwarten langsamen Wandel: „Modell für Modell ersetzen wir Tierversuche“, sagt Ingber.

  • Dieser Artikel wurde erstmals im Februar 2018 veröffentlicht