Neandertaler waren keineswegs die unerschütterlich kräftigen Höhlenmenschen, wie es das gängige Bild suggeriert. Laut Dr. Penny Spikins, Dozentin für Archäologie an der University of York, litten viele unserer prähistorischen Vorfahren unter Krankheiten und Behinderungen und wiesen Narben auf, die an Kriegsversehrte erinnerten.
Dr. Spikins bezeichnete die Vorstellung einer prähistorischen Welt voller robuster Individuen als „irgendwie besorgniserregend“. Lesen Sie mehr über Neandertaler:
- Warum Neandertaler nicht die brutale, primitive Spezies sind, von der wir einst dachten
- Nachbildung des Neandertaler-Gehirns
Auf dem British Science Festival in Coventry und Warwickshire erläuterte sie: „Wir sind nicht sehr gut darin, verletzlich zu sein, und wir sind anfällig für Einsamkeit, wir sind körperlich verletzlich. Niemand denkt gerne an den Tod, und wir haben dieses Bild von uns selbst als wettbewerbsorientiert und individualistisch, was oft nicht hilfreich und ungesund ist. Dann wenden wir das wieder auf die Vergangenheit an, und das rechtfertigt die Gegenwart – das ist etwas Besorgniserregendes.“
Sie ergänzte: „Aber wenn Sie denken: ‚Naja, eigentlich waren wir während unserer gesamten Evolutionsgeschichte voneinander abhängig und jeder hat Phasen der Verletzlichkeit‘, könnte Ihnen das helfen, leichter damit umzugehen, verletzlich zu sein – etwas, das einfach zum Menschsein gehört, kein Fehler.“
Neandertaler waren einerseits durch viel Bewegung fit, wiesen aber eine hohe Verletzungsrate und Hungersnöte auf. „Fast jedes Skelett zeigt Anzeichen schwerer Verletzungen oder Krankheiten durch den Lebensstil. Sie leiden nicht unter sitzender Lebensweise wie wir, aber ihr Dasein war hart“, erklärt Prof. Spikins.
Sie fordert Museen auf, Neandertaler realistischer darzustellen: verletzt, vernarbt, zu 50 Prozent Kinder und mit älteren Individuen. „Das ist nicht das Bild in Rekonstruktionen – sie würden aussehen wie Kriegsversehrte.“
Lesen Sie mehr über alte Menschen:
- Steinzeit-Kaugummi enthüllt die Geschichte Skandinaviens
- Höhlenmalereien offenbaren das Wissen der alten Europäer über die Sterne
Auf die Frage, ob Museen die Gesellschaft widerspiegeln sollten, sagte sie: „Es gibt ein Problem mit Behinderungen – wir fühlen uns damit unwohl, obwohl unsere Vergangenheit voller solcher Fälle ist.“
In ihrer Präsentation betonte Prof. Spikins, dass Fürsorge und Umgang mit Verletzlichkeit unsere Evolution stärker prägten als gedacht. Jüngste Analysen von Neandertaler-Skeletten – einer ausgestorbenen Menschenspezies – belegen frühe und umfassende medizinische Versorgung. Von 50 bekannten Skeletten zeigen 17 klare Hinweise auf Pflege.