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Coronavirus: Schickt uns die Natur wirklich eine Botschaft? Eine kritische Analyse

Chinesische Nassmärkte bieten Fleisch in natürlichem Zustand: ungekäühlt, unverarbeitet, unverpackt, ungekocht und oft noch ungeschlachtet. Als ich in China lebte, fühlte sich das Bummeln durch die offenen Stände authentisch und befreiend an – eine willkommene Alternative zu sterilen Supermärkten, wo Hähnchen hinter Glas in Plastikfolie von Konzernen verpackt daliegen.

In ähnlicher Weise positioniert die traditionelle chinesische Medizin sich als natürliche Alternative zu den Pillen der Pharmaindustrie. Knorrige Wurzeln, gemahlene Kräuter, schrumpelige Pilze und exotische Tierteile säumen die Regale der Apotheken. Sie versprechen Heilung durch die Kräfte der Mutter Natur, die uns mit ihren Rhythmen in Einklang bringen – im Kontrast zu synthetischen Chemikalien, die Kritiker als Ursache wachsender Krankheiten sehen.

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an unregulierten Nassmärkten. Hoffentlich führen die aktuellen Debatten in China zu strengeren Lebensmittelstandards und weniger Handel mit exotischen Tieren.

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Darüber hinaus birgt die Krise eine tiefere Lektion, die oft ignoriert wird: Natürlich ist nicht immer besser.

Die Pandemie wird vielfach als „Strafe der Natur“ für unseren unnatürlichen Lebensstil dargestellt – ein Narrativ, das wir noch lange überwinden müssen.

In sozialen Medien kursiert die Idee, „Menschen seien das Virus“. Die Argumente basieren auf vagen, theologischen Vorwürfen: Jede Sünde des Menschen werde zur Krise beitragen.

Ob industrielle Landwirtschaft, Überkonsum oder Klimawandel – alles wird verantwortlich gemacht.

Das virale Meme dreht es um: Viren sind Teil der perfekten Natur, Menschen die Störer. Das Virus sündigt nicht – wir tun es.

'Sendet uns eine Nachricht'?

„Die Natur sendet uns eine Botschaft“, sagte Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms. Die Herzogin von York twitterte: „Mutter Natur hat uns auf unsere Zimmer geschickt … wie verwöhnte Kinder. Sie warnte uns mit Feuer und Überschwemmungen, nun nimmt sie die Kontrolle zurück.“

Obwohl „Natur“ säkular klingt, ist dieser Rahmen religiös. Historisch wurden Katastrophen als göttliche Strafe gesehen – heute machen manche das Coronavirus für „unnatürliche“ Sexualität verantwortlich, wie einst HIV oder Hurrikane.

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Aus dieser Perspektive ist Gott gleich Natur; „natürlich“ bedeutet göttlich. Menschliche Eingriffe widersprechen der Ordnung und führen zu Leid.

Wir wollen Naturkräfte als wohlwollend sehen. Studien zeigen: Wir überschätzen Risiken „unnatürlicher“ Technologien wie Kernkraft oder Laborkultiviertes Fleisch – erinnert an Frankensteins Hybris, „Gott zu spielen“.

Natürlich ist nicht immer besser

Die Dringlichkeit, mit der Natur im Einklang zu leben, ist unbestritten. Doch „natürlich“ leben bedeutet nicht zwangsläufig primitives Leben. Erneuerbare Energien erfordern hochtechnische Systeme, die natürlicher Brennstoffe wie Holz übertreffen. Kühlschränke verhindern Verderb und Abfall.

Menschen sind, wie H.G. Wells sagte, unnatürliche Tiere. Unsere Medizin rettet Säuglinge und Ältere entgegen natürlicher Selektion – ein Erfolg, den kaum jemand moralisch anzweifelt. Doch die Pandemie-Erzählung impliziert Gefahren für Vulnerable und stellt unsere Fortschritte infrage.

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Die Natur ist keine wohlwollende Gottheit mit Absichten. Natürlichkeit als Abwesenheit menschlichen Eingriffs ist weder gut noch böse.

Mehr denn je müssen wir diesen Unterschied verstehen – für Mensch und Planet. Es ist Zeit, den Mythos vom 'guten Natürlichen' aufzugeben und verantwortungsvoll als unnatürliche Wesen in einer natürlichen Welt zu handeln.