Als Carl von Linné die moderne binomiale Nomenklatur einführte, ermöglichte er Wissenschaftlern, neue Arten zu benennen und damit verdiente Persönlichkeiten zu ehren. Doch jedes Werkzeug kann auch zerstören: Lateinische Namen dienten Linné und anderen nicht nur zur Feier, sondern auch zur Demütigung.
Linné war der Erste, der Namensgebung nutzte, um Vorgänger zu würdigen – und der Erste, der sie einsetzte, um einen Widersacher zu beleidigen. Er blieb nicht der Letzte.
Sein Meisterwerk Systema Naturae führte ein revolutionäres "Sexualsystem" zur Klassifikation von Pflanzen ein. Es basierte allein auf der Anzahl und Anordnung von Staubblättern (männliche, pollenführende Organe) und Stempeln (weibliche, samenbildende Strukturen).
Beispiel: Die Gruppe Octandria Monogynia umfasst Pflanzen mit acht Staubblättern und einem Stempel ("Octandria" von griech. octo = acht und andros = Mann; "Monogynia" von mono = eins und gyne = Frau). Linné beschrieb sie bildhaft als "Acht Männer im Gemach derselben Braut, mit einer Frau". Er setzte das Stigma explizit mit der Vulva und den Griffel mit der Vagina gleich.
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Linné schwärmte eloquent – für die damalige Zeit erotisch – von Blütenblättern als "Brautbetten ... geschmückt mit so edlen Bettvorhängen und parfümiert mit so vielen sanften Düften, dass der Bräutigam mit seiner Braut dort ihre Hochzeit feiern könnte ... Wenn nun das Bett so bereitet ist, ist es Zeit für den Bräutigam, seine geliebte Braut zu umarmen und ihr seine Gaben anzubieten."
Diese sexuelle Metaphorik schockierte Zeitgenossen. Der preußische Botaniker Johann Siegesbeck verurteilte 1737 Linnés System als "unzüchtig" und geißelte die Idee einer "abscheulichen Hurerei" bei Blumen.

Siegesbeck und Linné hatten zuvor freundschaftlich korrespondiert, doch Linné duldete keine Kritik. Er rächte sich, indem er eine neue Art Sigesbeckia orientalis nach ihm benannte.
Die Rache war raffiniert: Sigesbeckia ist ein klebriges, unscheinbares Unkraut mit winzigen Blüten. Angesichts Linnés Analogien zwischen Pflanzen- und Menschenorganen war die Wahl kein Zufall.
Die Beleidigung war offensichtlich: In seiner Critica Botanica (1737) forderte Linné eine klare Verbindung – idealerweise Ähnlichkeit – zwischen Pflanze und Namensgeber.

Siegesbeck dankte zunächst per Brief für die "Ehre", kannte die Pflanze aber nicht. Bald erkannte er die Demütigung – und die beiden blieben erbitterte Feinde.
Linnés Sexualsystem erwies sich als begrenzt; es ignorierte andere Merkmale. Bald wurde es verworfen, auch von Linné selbst, zugunsten natürlicherer, später evolutionärer Klassifikationen.
Siegesbecks Kritik wirkt heute überholt, doch Sigesbeckia orientalis bleibt klebrig und unscheinbar.
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Linné leugnete nicht direkt die Beleidigung (sie war evident), war aber in Critica Botanica expliziter bei anderen: Pisonia (dorniger Baum) für Willem Piso, dessen Werke Linné als Plagiate sah; Hernandia (unschöne Blüten) für Francisco Hernández; Dorstenia (verblasste Blüten) für Theodor Dorsten.
Diese Opfer waren tot; nur Siegesbeck spürte den Stich lebendig.