Wie würden Sie reagieren, wenn jemand behauptet, dass Pillen oder Injektionen Ihr Leben um 20 Jahre verlängern könnten – und das als gesunde Jahre? Die meisten würden skeptisch sein.
In den letzten Jahrzehnten haben Forscher intensiv untersucht, was im Körper beim Altern passiert und welche Prozesse dahinterstecken. Die äußeren Anzeichen des Alterns sind bekannt, doch die zugrunde liegenden Mechanismen waren lange rätselhaft.
Heute verschiebt sich die Alternsforschung zunehmend auf unsere treuen Begleiter: Hunde. Obwohl es zunächst ungewöhnlich klingt, bieten Hunde einzigartige Einblicke in die menschliche Biologie. Sie teilen unsere Wohnumgebung und damit viele Einflussfaktoren auf das Altern – altern jedoch deutlich schneller, was Wissenschaftlern einen beschleunigten Blick auf diese Prozesse ermöglicht.
Unter dem Fell und den vier Pfoten sind Hunde und Menschen biologisch näher verwandt, als man denkt.
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Deshalb entstehen weltweit große Forschungsprojekte, die das Altern von Hunden untersuchen – zum Nutzen von Mensch und Tier.
Das Dog Aging Project in den USA, gestartet im November 2019, hat bereits über 80.000 Hunde rekrutiert. Wissenschaftler analysieren deren Lebensstil und Gesundheit, um Einflussfaktoren zu identifizieren.
Einige Teilnehmer testen zudem Rapamycin, ein Medikament für Organtransplantierten. Labortests an Mäusen und Fliegen zeigten lebensverlängernde Effekte. Erfolge bei hausgebundenen Hunden wären ein starker Hinweis auf potenzielle Wirkungen beim Menschen.
Vom Krankheitskampf zum Verlangsamen des Alterns
Behandlungen gegen das Altern selbst markieren einen Paradigmenwechsel. „Die letzten 200 Jahre haben wir Krankheiten bekämpft – das ist der falsche Weg zur gesunden Langlebigkeit“, erklärt Prof. Matt Kaeberlein, Alternsbiologe an der University of Washington und Mitgründer des Dog Aging Projects. Besitzer von Dobby (German Shepherd, 9 Jahre) und Chloe (Keeshond, 14 Jahre).
„Einzelne Alterskrankheiten zu heilen ist wie Whack-a-Mole: ineffektiv. Selbst eine Wundermedizin gegen Krebs, Herz- und Nierenerkrankungen verlängert das Leben einer 50-Jährigen nur um ein Jahrzehnt – oft ohne Gesundheit“, betont Kaeberlein.
Effektiver: Das Altern molekular verlangsamen. „Das erhöht nicht nur die Lebensspanne, sondern sorgt für gesunde Jahre“, sagt Kaeberlein.
Das Projekt beleuchtet auch Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung und Lebensstil auf die Lebenserwartung.
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US-Hundebesitzer füllen Umfragen mit 200–300 Fragen zu Ernährung, Trinken und Bewegung aus. Diese Daten korrelieren Forscher mit öffentlichen Infos wie Luftqualität und Grünflächen.
„Hunde teilen unsere Umwelt und sind stärker exponiert – ideale Wächter für Alternsfaktoren“, sagt Prof. Daniel Promislow, Alternsexperte an der University of Washington und Mitgründer. Besitzer von Frisbee (Mischling, 13 Jahre).
„Wir trinken aus Flaschen, sie stecken die Nase in den Dreck.“ Hunde altern 7- bis 10-mal schneller: Umweltrisiken zeigen sich bei ihnen in Jahren statt Jahrzehnten.
Hunde erkranken an Krebs, Nieren- und Darmerkrankungen wie wir. „Medikamente gegen Angst bei Hunden sind dieselben wie in der Humanmedizin“, ergänzt Prof. Elinor Karlsson, Gründerin von Darwin’s Ark an der University of Massachusetts Medical School.
Genetische Ähnlichkeiten reichen bis ins Genom. Eine 2007 in Science publizierte Studie an 143 Rassen zeigte: 50 % der Größenunterschiede beruhen auf IGF1 – ein Gen, das auch beim Menschen Lebensdauer beeinflusst.
Kleine Rassen (Chihuahua) haben eine Variante, Riesen (Deutsche Dogge) eine andere. „IGF1 korreliert bei Labortieren mit Langlebigkeit“, sagt Promislow. Warum leben große Hunde kürzer?
Ein Wolf im Schafspelz: Vielfalt nutzen
Haushunde (Canis familiaris) stammen von Wölfen (Canis lupus) ab, selektiv gezüchtet zu 218 Rassen (Kennel Club UK). Diese Vielfalt ist ideal für Alternsstudien.
„Hunde variieren extrem in Größe, Fell, Verhalten – und Krankheiten, Ursachen des Todes sowie Lebensdauer“, erklärt Promislow.
Die 80.000 Projekt-Hunde werden lebenslang verfolgt. 10.000 genomsequenziert, 1.000 für Mikrobiom-Analysen (ähnlich menschlichem). 500 testen Rapamycin.
„Ich teste es selbst, da es bei Transplantationspatienten sicher ist“, sagt Kaeberlein.
Rapamycin senkt mTOR, boostet Autophagie – Zellreinigung. Das recycelt defekte Proteine (Alzheimer) und Mitochondrien.
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„Hundeforschung verändert unser Alternsverständnis“, sagt Prof. David Sinclair (Harvard), Autor von Lifespan. Besitzer von Leuka (Labrador, 6) und Charlie (13).
„Hunde leben zu kurz – bald sehen wir 80 Jahre als jung.“
„Helfen wir Hunden, altern wir selbst länger gesund“, schließt Kaeberlein.
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Dieser Artikel stammt aus BBC Science Focus Ausgabe 350.