Bei großen Neuigkeiten in der Physik reagieren wir oft mit nerdiger Begeisterung und Verwirrung über die komplexen Details. Gestern meldeten Forscher des Fermilabs bei Chicago Experimentergebnisse, die auf eine neue Naturkraft hindeuten.
Ein internationales Team untersuchte das Verhalten kurzlebiger subatomarer Myonen in einem Teilchenbeschleuniger unter Magnetfeldern. Die Myonen verhielten sich nicht wie erwartet.
Das Standardmodell der Teilchenphysik, unsere beste Beschreibung der Realitätsbausteine, prognostizierte eine bestimmte Präzession der Myonen – doch die Messungen zeigten Abweichungen. Dies bestätigt jahrzehntealte Hinweise und sorgt für Aufregung in der Physikwelt, besonders auf Twitter.
Die Abweichung deutet auf Neues hin: ein subatomeres Teilchen wie das 2012 entdeckte Higgs-Boson oder eine fünfte fundamentale Kraft – neben Gravitation, Elektromagnetismus, starker und schwacher Kernkraft. Als "Geschmackskraft" spekuliert, da sie Myonen anders als Elektronen beeinflusst.
Um das verständlich zu machen, sprachen wir mit Prof. Jon Butterworth, Teilchenphysiker an der University College London (UCL) und LHC-Experten am CERN. Sein Bluffer's Guide zu Myonen und ihren Implikationen für unser Universumsverständnis:

Was sind Myonen?
Myonen ähneln Elektronen, sind aber schwerer. Sie wurden bereits in den 1930er/40er Jahren in kosmischer Strahlung entdeckt. Wir kennen sie seit Langem.
Das Experiment fokussierte auf magnetische Eigenschaften, richtig?
Genau. Alle geladenen Teilchen haben Spin und damit einen magnetischen Dipol – Nord- und Südpol. Das magnetische Moment beschreibt dessen Stärke. Das Standardmodell berechnet es präzise, wie beim Elektron bewährt. Beim Myon stimmt die Messung jedoch nicht exakt mit der Theorie überein. Dieses Experiment bestätigt die Diskrepanz hochpräzise.
Impliziert das eine neue Naturkraft?
Es deutet auf Physik jenseits des Standardmodells hin – eine neue Kraft oder ein Teilchen.
Hätte diese Kraft Auswirkungen auf den Alltag?
Unwahrscheinlich direkt. Sie könnte aber erklären, warum das Universum Materie-dominiert ist, nicht symmetrisch zu Antimaterie. Das hat fundamentale Konsequenzen – inklusive unseres Daseins –, ohne neue Technologien morgen zu bringen.
Mehr zu Teilchenphysik:
- Haben subatomare Teilchen eine Farbe?
- Welches ist das häufigste Teilchen im Universum?
- Teilchendetektoren, die das Universum erforschen
Warum "Geschmackskraft"?
Leptonen wie Elektron, Myon und Tau-Lepton gibt es in drei "Generationen" oder "Geschmacksrichtungen". Eine solche Kraft würde je nach Geschmack wirken. Kürzlich wies CERN in Bottom-Quark-Zerfällen ähnliche Elektron-Myon-Unterschiede nach. Die Hinweise deuten konsistent in dieselbe Richtung.
Suchten Physiker aktiv danach, wie beim Higgs?
Nicht direkt. Es ist Basiswissenschaft: Testen präziser Vorhersagen. Beim Higgs passte die Theorie; hier nicht – daher spannender.
Mehr zu Physik:
- Sechs umwerfende Physikstunden mit Jim Al-Khalili
- Die sieben größten Geheimnisse des Universums
- Die sechs Zahlen, die das gesamte Universum definieren
Ist das Standardmodell bedroht?
Es ist eine effektive, aber unvollständige Theorie. Wie Newtons Gesetze in Einsteins Relativität aufgehen, hoffen wir auf eine Erweiterung, die offene Fragen löst.
Gute Neuigkeiten also?
Absolut. Wissenschaft lebt von Anomalien – Isaac Asimovs "Hm, das ist lustig".
Nicht ganz neu?
Die Diskrepanz besteht seit ca. 10 Jahren (z. B. Brookhaven). Fermilab bestätigt unabhängig mit mehr Myonen und Präzision. Weitere Messungen folgen.
Voreilige Theorien?
Theoretiker spekulieren wild – noch kein Konsens, anders als beim Higgs.