Der Spruch 'Wenn etwas kostenlos ist, bist du das Produkt' trifft nicht voll zu auf Suchen in sozialen Medien oder im Internet. Doch unsere Online-Aktivitäten verraten eine Menge über uns. Algorithmen sind präzise: Der Lampenschirm, den Sie gestern gegoogelt haben, taucht heute in Ihrem Facebook-Feed auf – ergänzt um passende Heimtextilien. Ihr Newsfeed passt sich Ihrem Stil an, und das daraus abgeleitete Profil scheint Sie besser zu kennen als Sie sich selbst. Oder etwa nicht?
Menschen sind hochkomplex, und soziale Medien erfassen nur Fragmente unserer Persönlichkeit. In meiner langjährigen Arbeit als Psychologe habe ich Social-Media-Profile als digitale Spiegel des partiellen Selbst beschrieben – eine Erweiterung, die nur ausgewählte Aspekte widerspiegelt.
Soziale Medien ähneln einer virtuellen Öffentlichkeit, die vor allem die 'nach außen gewandten' Teile anspricht – oft auf Kosten introspektiver oder privater Schichten. Die Infos aus unseren Online-Persönlichkeiten sind nicht falsch, sondern unvollständig.
Ein Motherboard-Artikel von 2017 beleuchtet, wie viel Likes auf Facebook über uns aussagen. Forscher verglichen Likes mit psychometrischen Tests zur 'Big Five' – den validiertesten Persönlichkeitsmerkmalen der Psychologie: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extraversion und Neurotizismus.
Millionen machten diese Tests aus Spaß auf Facebook. Die Algorithmen lieferten erschreckend genaue Vorhersagen zu Entscheidungen und Verhalten. Mit 70 Likes kannten sie Sie wie enge Freunde, mit 300 wie Ihr Partner. Sie erkannten Geschmack, Sexualität, Politik und mehr anhand simpler Daumen-hoch.
Die Big Five erklären viel: Gewissenhaftigkeit zeigt sich in Pünktlichkeit oder Ordnung, Neurotizismus in Reaktionen auf Stress. Doch messen sie wirklich, wie es sich anfühlt, wir selbst zu sein?
Der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) ist psychologisch umstritten, wird aber von Nutzern geschätzt. Er fasst Kontext-abhängige Typen zusammen: Entscheiden Sie intuitiv oder rational? Bevorzugen Sie Gruppen oder Tête-à-Tête? Oft sind Sie beides, situationsbedingt.
Bindungsstile ergänzen das: Binden Sie sich langsam, intensiv oder ambivalent? MBTI wurzelt in Jungs Theorien, Bindungstheorie bei John Bowlby – beide psychodynamisch, unbewusste Kräfte betonend, schwer messbar.
Online-Präsenzen offenbaren viel, aber begrenzt: Wir teilen bewusst, unter Beobachtung. Darunter lauert Komplexität. Wie gut kennen wir uns selbst? Therapie enthüllt Schichten aus Geschichte und Erfahrung.
Ein humorvolles GIF, ein Like oder ein Post sagt etwas – doch nur Bruchstücke. Bei Stillpoint Spaces London, wo ich als erfahrener Therapeut arbeite, erkunden wir in unserem psychologischen Labor das zeitgenössische Leben tiefer.
In Zeiten liberaler Demokratien ist das essenziell. Carol Cadwalladrs Observer-Bericht zeigt Millionen-Investitionen zur Manipulation von News-Zugriff und Meinungen.
Big-Five-Analysen vorhersagen Wahlen oder Käufe treffsicher. Doch sie erklären keine Werte, Anziehungskräfte oder Gefühle. Das große Abenteuer bleibt: Sich und andere kennenlernen – Algorithmen gelingt das nie vollständig.