1913 reiste der Entdecker George Levick in die Antarktis. Dort entdeckte er Verhaltensweisen bei Pinguinen, die ihn so schockierten, dass er seine Beobachtungen zunächst nicht veröffentlichen wollte. Zur Sicherheit schrieb er sensible Passagen sogar auf Altgriechisch – Inhalte, die nicht für jedermann bestimmt waren.
Levick hatte Pinguine beobachtet: Vögel, die für ihre monogame Lebensweise bewundert wurden und in viktorianischer Zeit als Symbol für Rechtschaffenheit galten.
Auch er hatte diese Idylle erwartet, doch am Ende der Welt sah er etwas anderes. „Es scheint“, schrieb er schockiert, „kein Verbrechen zu gering für diese Pinguine.“ Tatsächlich zeigte sich bei ihnen homosexuelles Verhalten.
Wenn Pinguine homosexuell sein können, deutet das darauf hin, dass dieses Verhalten – fernab von gesellschaftlichen Vorurteilen als Perversion – auch bei Menschen natürlich vorkommt.
Heute ist gleichgeschlechtliche Anziehung weithin akzeptiert. Doch eine brennende Frage bleibt: Warum ist sie evolutionär so persistent? Wir wissen aus Zwillingsstudien, dass Homosexualität teilweise genetisch bedingt ist – eineiige Zwillinge teilen diese Orientierung häufiger als zweieiige. Besonders bei Männern stellt das ein Rätsel dar: Warum überleben Gene, die die Fortpflanzung erschweren?
Stellen Sie sich vor, Sie kennen die Evolutionstheorie noch nicht. Eine Kernvorhersage wäre: Eigenschaften, die die Reproduktion mindern, sollten aussterben. Exklusive männliche Homosexualität reduziert die Chance auf Nachwuchs massiv – und existiert dennoch. Wie ist das möglich?
Um Antworten zu finden, wandte sich Forscher wie Paul Vasey von der University of Lethbridge in Kanada Samoa zu, wo Homosexualität in bekannter Form fehlt. Stattdessen gibt es das dritte Geschlecht der Fa’afafine: Männer, die feminin aufwachsen und sich wie Frauen verhalten.
Dritte Geschlechter sind nicht einzigartig: Die „Two-Spirit“-Menschen bei indigenen Völkern Nordamerikas, die Kathoey (Ladyboys) in Thailand oder die Hijras in Pakistan. 2004 wurde Hijra Asha Devi sogar zur Bürgermeisterin von Gorakhpur gewählt – mit dem Slogan: „Sie haben Männer und Frauen probiert. Jetzt versuchen Sie etwas Neues.“

Paul Vasey sieht westliche Homosexualität als ungewöhnlich. In traditionellen Kulturen manifestiere sie sich als „drittes Geschlecht“ – näher an unseren evolutionären Wurzeln.
Bei den Fa’afafine sucht er Hinweise auf das Paradoxon männlicher Homosexualität. Samoa kennt keine „schwule Identität“, doch Fa’afafine treten in gleicher Häufigkeit wie westliche Schwule auf. Vaseys Erklärung: „Ich bin schwul. In Samoa wäre ich eine ‚hässliche Fa’afafine‘ geworden.“
„Fa’afafine“ bedeutet „in der Art einer Frau“. Feminine Jungen werden als solche erzogen, oft zwischen Geschlechtern. Es gibt auch maskuline Mädchen (Fa’afatama).
Fa’afafine ähneln westlichen Schwulen: Beide zeigen kindliches geschlechtsatypisches Verhalten, geschlechtsübergreifende Wünsche, Trennungsängste und bevorzugen frauentypische Berufe.
Für Vasey sind beide dasselbe biologische Merkmal, das kulturell variiert. Der Westen unterdrücke Weiblichkeit bei Jungen, was zu Anpassung führe: „In Samoa werden feminine Jungen Fa’afafine. In Kanada maskulieren sie sich zum Überleben – wie ich es tat.“
Ob das „dritte Geschlecht“ die Ursprungsform ist, bleibt offen. Doch kulturelle Variabilität unterstreicht gesellschaftlichen Einfluss, bei konstanter Prävalenz – ein Hinweis auf biologische Faktoren.
Vasey testet zwei Theorien mit Fa’afafine-Daten. Erstens: Die „Hypothese des wohlwollenden Onkels“.
Alatina Ioelu, ein Fa’afafine, spürte früh seine Identität, wollte sie aber ablehnen. Klassenkameraden nannten ihn so, und er akzeptierte: „Scheiße, das bin ich.“ Samoa akzeptiert Fa’afafine nicht vollends, doch sie haben einen Platz – oft in Familienlinien.
Paradox: Wie überleben sie genetisch? Die Onkel-Hypothese: Gene weitergeben via Verwandte. Geschwister teilen 50 % Gene, Nichten/Neffen 25 % – einem Onkel genetisch ein halbes Kind wert.

Ein kinderloser, hingebungsvoller Onkel steigert Verwandten-Überleben. Fa’afafine übernehmen mütterliche Rollen: Pflege Älterer, Kinderbetreuung – mehr Fisch, Holz, Sättigung in harten Zeiten.
Vaseys Studien: Fa’afafine investieren mehr in Nichten/Neffen als hetero Männer oder Tanten – mehr Babysitten, Spielzeug, Nachhilfe, Bildungsgeld.
Zudem: Schwule Männer haben oft mehr ältere Brüder („fraternal birth order effect“) – Mütter entwickeln Antikörper gegen männliches Hirnprotein. Große Familien profitieren mehr.
Nicht vollständig erklärt – zu viele zusätzliche Nachkommen nötig. Doch ergänzend: „Sexuell antagonistische Gene“ („sexy Schwestern“-Hypothese).
Gene für Homosexualität bei Männern schaden Reproduktion, bei Frauen boosten Fruchtbarkeit. Vasey prüfte Großmütter von 86 Fa’afafine vs. 86 hetero Männern: Fa’afafine-Großmütter hatten mehr Kinder. Sie kompensieren „nicht-reproduktive“ Enkel durch höhere Fruchtbarkeit.
„Sexy Großmütter“ klingt weniger catchy – doch die Daten passen.