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Psychische Gesundheit: Warum Sensibilisierung allein nicht reicht – Die neurowissenschaftlichen Gründe

Gestern, am 10. Oktober 2019, war der Welttag der psychischen Gesundheit – ein internationaler Gedenktag zur Förderung und Sensibilisierung für psychische Gesundheitsthemen. Er fällt in die Sensibilisierungswoche für psychische Gesundheit, die vom 6. bis 12. Oktober stattfindet.

Allerdings nur in den USA. Im Vereinigten Königreich fand die Mental Health Awareness Week vom 13. bis 19. Mai 2019 statt. Der Welttag ist also unabhängig.

Diese Termine sollten nicht mit dem Weltbipolartag, der Kinderpsychischen-Gesundheitswoche, dem Stressbewusstseinsmonat oder dem Welttag der Suizidprävention verwechselt werden – all das sind wichtige Kalenderpunkte zur Sensibilisierung.

Es ist gut, dass es mittlerweile zahlreiche Kampagnen gibt, die aufzeigen, wie häufig psychische Probleme auftreten und welch ernstes Thema der Umgang damit ist.

Doch eine Frage wird selten gestellt: Warum ist es so notwendig und schwierig, Bewusstsein dafür zu schaffen? Eine gängige Statistik besagt, dass 1 von 4 Menschen weltweit irgendwann von psychischen Störungen betroffen ist – eine Zahl, die auch die WHO unterstützt.

Das sind 25 % der Bevölkerung mit direkten Erfahrungen. In Großbritannien allein 16,5 Millionen Menschen. Dennoch bleibt psychische Gesundheit stigmatisiert, abgetan oder ignoriert.

Ich wette, weit weniger als 1 von 4 Briten ist Fußballfan. Wird Fußball ignoriert? Im Gegenteil: Er dominiert Medien, hat eigene Kanäle und ist eine Milliardenpfund-Industrie.

Warum erreicht psychische Gesundheit nicht denselben Status? Wo sind die täglichen Berichte über Behandlungsstatistiken aus Kliniken? Wo die Stars der Therapie auf T-Shirts?

Zugegeben, das ist satirisch – Therapien sollen kein Spektakel sein. Doch der Kern bleibt: Warum ist Bewusstsein trotz weitverbreiteter Betroffenheit ein Kampf?

Ein Grund ist die immaterielle Natur psychischer Probleme. Körperliche Leiden sind sichtbar: Blasen, Blutungen, fehlende Gliedmaßen. Jeder erkennt: „Das stimmt nicht.“

Psychische Störungen sind unsichtbar – oft sogar für Betroffene selbst. Verhaltensänderungen gibt es, doch ohne enge Kenntnis schwer zuzuordnen. Stimmung schwankt natürlich: Lachen bei einer Hochzeit, Trauer bei einer Rede.

Ist Melancholie bei einem Optimisten eine Störung – oder Reaktion auf Kündigung, Trennung oder Verlust? Vom Außenstehenden schwer unterscheidbar. Daher ist „Bewusstsein“ knifflig (und Fernsehdlagen sind riskant).

Hinzu kommen Gehirnverteidigungen: Die „gerechte-Welt-Vorstellung“ lässt uns glauben, Leid trifft nur Schuldige. Kognitive Dissonanz führt zu Leugnung.

Ähnlich die Attributionsverzerrung: Bei Ähnlichen geben wir Leid ihrer Schuld, nicht dem Zufall – schützt unser Sicherheitsgefühl, verstärkt aber Stigma.

Jeder möchte glücklich sein: Was passiert im Gehirn dabei, und wie führen wir ein glückliches Leben? Dean Burnett erklärt es in dieser Folge des Science Focus Podcast.

Es gibt viele weitere Hürden. Aber was tun?

Mehr Ressourcen und Bildung sind essenziell, politisch jedoch fern. Mein Ansatz als Neurowissenschaftler, Dozent und Autor: Über einfache Slogans wie „Psychische Erkrankungen sind real“ hinausgehen.

Solche Botschaften überzeugen Skeptiker nicht. Besser: Erklären des Wie und Warum. Psychische Gesundheit entsteht im Gehirn – einem greifbaren Organ.

Nehmen Sie die „chemische Ungleichgewicht“-Theorie der Depression (Monoamin-Hypothese): Antidepressiva heben Neurotransmitter – logisch ein Mangel. Doch neuere Forschung zeigt Komplexität: Neuroplastizitätsverlust, starre Neuronen.

Die besten Wissenschaftsbücher über Gehirn, Psychologie und psychische Gesundheit:

  • Die Wissenschaft des Glücks: sieben Bücher, die Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern
  • Fünf Anzeichen dafür, dass jemand versucht, Sie mit Statistiken in die Irre zu führen
  • Woher kommt Eifersucht?

Antidepressiva wirken, doch als Teil eines größeren Systems. Chronischer Stress ermüdet Neuronen, verstärkt Reaktionen – führt zu Angst, Depression, körperlichen Folgen wie Gewichtszunahme, Hypertonie.

Psychische Probleme verknüpfen sich über Stresshormone wie Cortisol mit Körperlichem. Motivationmangel oder Ängste wirken sich indirekt aus – kein „Faulsein“.

Aus meiner langjährigen Erfahrung in Neurowissenschaft (Spezialisierung Gedächtnisbildung), Lehre und Vorträgen: Greifbare Erklärungen wirken. Sagen Sie nicht nur was, sondern warum – das schafft echtes Verständnis.