Das Masernvirus schädigt das Immunsystem langfristig, indem es es in einen babyähnlichen, unreifen Zustand versetzt. Betroffene werden dadurch anfälliger für andere Infektionen, wie Studien führender Institute belegen.
Neueste Forschungsergebnisse des Wellcome Sanger Institute, der Universität Amsterdam und Partner zeigen: Das Masernvirus löscht Teile des Immun-Gedächtnisses und beseitigt frühere Immunität gegen diverse Pathogene – sowohl beim Menschen als auch bei Frettchen.
Die Erkrankung versetzt das Immunsystem in einen Zustand begrenzter Reaktionsfähigkeit gegenüber neuen Infektionen. Veröffentlicht in Science Immunology, erklärt die Studie, warum Kinder nach Masern häufig weitere Infekte erleiden.
Die Autoren warnen vor massiven Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit: Sinkende Impfraten führen zu mehr Masernfällen, was wiederum das Risiko für Grippe, Diphtherie oder Tuberkulose steigert – selbst bei zuvor Immunen.
Hauptautorin Dr. Velislava Petrova vom Wellcome Sanger Institute und der University of Cambridge betont: „Diese Studie demonstriert erstmals 'immunologische Amnesie' beim Menschen. Das Immunsystem vergisst, wie es auf bekannte Infektionen reagieren soll. Masern führen direkt zu einem Verlust des Schutzes gegen andere Krankheiten.“
Für ihre Untersuchung analysierten Forscher Blutproben von 26 ungeimpften, gesunden Kindern in den Niederlanden vor und 40–50 Tage nach einem Masernausbruch 2013. Sie sequenzierten Antikörpergene und fanden: Spezifische Immungedächtniszellen gegen andere Erreger waren verschwunden.
Diese 'immunologische Amnesie' bestätigten Experimente an Frettchen: Eine masernähnliche Infektion reduzierte Grippe-Antikörper bei geimpften Tieren.
Das Virus zwingt das Immunsystem zudem in einen unreifen Zustand mit eingeschränktem Antikörper-Repertoire.
Leitender Autor Professor Colin Russell von der Universität Amsterdam: „Erstmals belegen wir, dass Masern das Immunsystem zurücksetzen und babyähnlich machen – mit stark eingeschränkter Reaktionsfähigkeit. Bei manchen Kindern wirkt es wie starke Immunsuppressiva. Unsere Ergebnisse unterstreichen: Die Masernimpfung schützt nicht nur vor Masern, sondern auch vor Folgeinfektionen.“
Im Vereinigten Königreich eradiziert seit den 1960er Jahren durch Impfung (2017 vollständig), steigen Masernfälle nun wieder. Die Impfquote liegt unter den benötigten 95 Prozent, weshalb Großbritannien im August seinen Eliminierungsstatus bei der WHO verlor.
Eine weitere Studie in Science, geleitet von Harvard-Forschern, nutzte VirScan, um Antikörperreaktionen bei 77 ungeimpften Kindern (4–17 Jahre) zu tracken. Ergebnis: Zwei Monate post-Infektion fehlten 11 bis 73 % des Antikörper-Repertoires.
Professor Michael Mina vergleicht: „Immunität ist wie ein Buch mit Verbrecherfotos – Masern stanzen Löcher hinein, besonders über Schlüsselmerkmale. Wiederaufbau dauert Monate bis Jahre; bis dahin drohen schwere Komplikationen.“