Warum haben Sie ein Buch über Kannibalismus geschrieben?
Die meisten Bücher zum Thema waren entweder sensationslüstern oder rein akademisch. Mein Ziel war ein ausgewogenes Werk: unterhaltsam, informativ und nuanciert. Es zeigt, dass Kannibalismus faszinierende, teils sogar poetische Seiten hat – basierend auf jahrelanger Recherche in Biologie, Anthropologie und Geschichte.
Wo tritt Kannibalismus in der Natur auf?
Kannibalismus ist im Tierreich weit verbreitet. Besonders häufig bei Insekten, Wirbellosen, Fischen und Amphibien, seltener bei Vögeln und Säugetieren.
Ein klassisches Beispiel: Der sexuelle Kannibalismus bei Spinnen, wo Weibchen das Männchen nach der Paarung verspeisen. Evolutionär sinnvoll – es nährt das Weibchen und steigert die Überlebenschancen seiner Gene.
Welche Tierarten praktizieren Kannibalismus?
Männliche Löwen fressen Jungen ihrer Rivalen, um die Löwin schneller empfängnisbereit zu machen. Bei Caecilians, gliedlosen Amphibien, ernähren sich Jungtiere von der Mutterhaut – eine Form elterlicher Fürsorge. Viele Vogelküken picken schwächere Geschwister.
Bei Fischen ist wahlloser Kannibalismus üblich: Millionen Eier werden oft nicht als eigene Art erkannt und als Nahrungsquelle genutzt.
Warum essen Menschen einander?
Kriminelle Fälle dominieren die Berichterstattung, doch ich fokussiere mich auf kontextuelle Beispiele, ohne sie zu glorifizieren. Vor westlichen Tabus war Kannibalismus weltweit Bestattungsritus – wie bei den Fore in Papua-Neuguinea, aus Liebe und Trauer.
Er diente als Notnahrung in Belagerungen, Hungersnöten, nach Katastrophen. Historisch war er in der Medizin verbreitet: Körperteile und Blut als Heilmittel.
Gibt es Kannibalismus heute noch?
In isolierten Gruppen möglicherweise heimlich. Offener: Das Essen der eigenen Plazenta. In den USA gewinnt es an Popularität – Mütter berichten von besserem Wohlbefinden durch Hormonbalance. Wissenschaftlich unbewiesen, doch als Placebo harmlos.
Ich habe es selbst erlebt: In Texas probierte ich die frische Plazenta einer Mutter nach ihrem 10. Kind. Zubereitet von ihrem Mann – köstlich und passend zu Rotwein!
Warum ekeln wir uns vor Kannibalismus?
Kulturell geprägt: Von griechischer Mythologie über Shakespeare bis Hannibal Lecter. Biologisch: Essen von Verwandten reduziert die inclusive Fitness – eigene Gene gefährden.
Hannibal Lecter, der berüchtigtste Kannibale des Kinos (YouTube)
Zudem Risiko für Parasiten und Krankheiten, die unser Immunsystem umgehen.
Könnte Kannibalismus zurückkehren?
In der Natur treibt Überbevölkerung ihn an. Beim Menschen plus Nahrungskrise – etwa durch Agrarkatastrophen – ist es denkbar. Schockierend, aber realistisch: Unter Extrembedingungen wählen Menschen Überleben.
- Dieser Artikel wurde erstmals im Februar 2017 veröffentlicht