Als Paula Armentrout meinen Anruf entgegennimmt, hat sie frische Neuigkeiten. Der DNA-Analyse- und genetische-Genealogie-Dienst ihres Unternehmens Parabon NanoLabs hat soeben zur Verhaftung eines Mannes wegen zweier Morde von 2016 geführt. Es handelt sich um den 101. Fall schwerer Kriminalität, der durch diese forensische Detektivarbeit aufgeklärt wurde. Der Dienst läuft erst seit Mai 2018.
Der Verdächtige aus Cincinnati hatte 2016 eine Mutter und ihren Sohn in ihrem Haus erschlagen. Die Tatort-DNA passte damals zu keiner Probe in Polizeidatenbanken – der Fall wurde kaltgestellt.
Parabon NanoLabs in Virginia analysierte die DNA neu und verglich sie mit Hunderttausenden Proben aus öffentlichen Online-Genealogie-Diensten. Dort suchen Privatpersonen nach Verwandten durch genetische Übereinstimmungen.
Wie in 100 Fällen zuvor identifizierte die Analyse entfernte Verwandte. Parabons genetische Genealogen bauten daraus Stammbäume auf, verbanden sie mit offiziellen Registern wie Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden sowie Todesanzeigen. So entstand eine Liste potenzieller Verdächtiger, die zeitlich, örtlich und DNA-mäßig passten.
Kalte Fälle neu beleben
Im 101. Fall führte der Weg zu Jonathan Hurst, 51 Jahre alt. Handy-Daten bestätigten seine Anwesenheit am Tatort. Ein DNA-Test der Polizei ergab volle Übereinstimmung.
„Wir unterstützen die Behörden in diesem Fall seit anderthalb Jahren“, erklärt Armentrout, Vizepräsidentin bei Parabon. „Viele unserer Fälle stecken in dieser Phase: Behörden prüfen unsere Hinweise und genealogischen Empfehlungen.“
Genetische Genealogie boomt in den USA. Der Durchbruch kam im April 2018 mit der Festnahme des Golden-State-Killers, verantwortlich für 12 Morde, 51 Vergewaltigungen und über 120 Einbrüche zwischen 1974 und 1986. Genealogen luden seine DNA auf GEDmatch hoch und verglichen sie mit öffentlichen Profilen – Ziel: Joseph James DeAngelo.
Im Mai 2018 startete Parabon seinen Dienst auf Basis von GEDmatch. Un gelöste Gewaltfälle strömten herein.
Parabon nutzt detaillierte SNP-Analyse (Single Nucleotide Polymorphism) mit Hunderttausenden Loci, im Gegensatz zu den 13–17 Loci der klassischen STR-Methode der Polizei (siehe Wie man ein Verbrechen mit genetischer Genealogie aufklärt unten). Genealogie-Portale wie GEDmatch arbeiten ebenfalls mit SNP.
Bisher bearbeitete Parabon 450 Fälle, durchschnittlich 25 Jahre alt. Auch aktuelle Dringlichkeitsfälle: 2018 knackten sie die Vergewaltigung einer 79-Jährigen in Utah binnen drei Monaten. CeCe Moore, Parabons Chefgenealogin, drängte: Nur so ließen sich weitere Taten verhindern. Das Opfer lebte in Todesangst.

„Hoher Druck – sie wollten den Täter stoppen, bevor er zuschlug“, erinnert sich Moore.
Der Markt wächst: Bode Technology (Februar 2020) und Verogen Inc. (Dezember 2020, inklusive GEDmatch-Übernahme) folgten. Parabon hebt sich durch Kombination mit Snapshot-Phänotypisierung ab: CGI-Gesichtsbilder aus DNA, verkauft in 13 Ländern.

Die Methode ist kontrovers. Nach dem Golden-State-Killer eskalierten Datenschutzdebatten: Dürfen Ahnenforscher-Daten Familien kriminalpolizeilich scannen?
Betroffene fühlen sich getäuscht, wenn Verwandte enttarnt werden. Experten wie Dr. Caitlin Curtis (University of Queensland) warnen in Genetics in Medicine: „Polizeigenealogie wirkt sich auf entfernte Verwandte aus. Phänotypisierung offenbart Krankheitsrisiken, Psyche und Aussehen.“
Datenschutzherausforderungen
Portale klären nun: Opt-in für Strafverfolgung. Parabon nutzt GEDmatch und FamilyTreeDNA; Ancestry.com und 23andMe blocken Zugriffe.
Moore, TV-bekannte Genealogen-Pionierin, plädierte anfangs für Zurückhaltung. Heute sorgt sie sich um schrumpfende Pools: GEDmatch forderte 2019 Neuanmeldungen – von 1 Mio. auf 200.000 Profile geschrumpft. „Schwieriger zu lösen, mehr Aufwand nötig“, sagt sie.

Weitere Hürden: Nutzer meist europäischer Herkunft. EU-Datenschutz strenger. Experten wie Prof. Denise Syndercombe Court (King’s College London) sehen in Ländern mit starker Kriminal-DNA-Bank (GB: 10 % Bevölkerung) wenig Bedarf. „Umfassend = effektiv, keine Cousin-Suche nötig.“
- Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 348 von BBC Science Focus.
Wie man ein Verbrechen mit genetischer Genealogie aufklärt
- Behörden beauftragen ein DNA-Unternehmen mit einem kalten Fall.
- Analyse der Tatort-DNA zu Basensequenz (A, C, G, T).
- Untersuchung von ~700.000 SNPs – genetische Variationspunkte (Excel: 26 Spalten, 851.000 Zeilen).
- SNP wie bei Genealogie-Portalen; Polizei-STR nur für Naheverwandte.
- Upload auf opt-in-Portale wie GEDmatch: Matches mit Hunderttausenden.
- Genealogen bauen Stammbäume, grenzen auf Verdächtige ein (Zeit, Ort, Beweise).