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Das Internet hat die Nacht verbannt – Warum wir sie dringend zurück brauchen

Als ich zurückblicke, war es eine surreale Zeit. Ich lag auf einem Krankenbett in einem stillgelegten Krankenhaus am Rande von Glasgow. Kunstblut und Schleim tropften von meinem Gesicht, die Lichter glühten heiß. Wir waren sieben Stunden dort.

Nach unzähligen schlaflosen Momenten der Erschöpfung platzte schließlich ein Gummikopf aus meiner Brust – mein Stichwort, um die letzten Zeilen einer Review zum Videospiel Aliens Versus Predator hervorzustoßen. Alles für eine Handvoll Nachtschwärmer, die den experimentellen Late-Night-Strang von Channel 4, 4Later, einschalteten.

Die Sendung, an der ich mitarbeitete, hieß Bits – es war 1999. Unser Team produzierte eine wöchentliche Show in Broadcast-Qualität mit einem winzigen Late-Night-Budget. Kreativität floss in Strömen, Regeln waren rar – vor allem, weil kaum jemand zusah. Die Ausstrahlung erfolgte tief in der Nacht, zu unregelmäßigen Zeiten an unvorhersehbaren Wochentagen. Perfektes Futter für Nachtaktivisten.

Es gibt eine besondere Art von Medien, die für Nachtpublikum gemacht ist: traumhaft, unkonventionell. Hier prallen neue Ideen aufeinander und formen Keime für die Prime-Time. Als erfahrener Medienmacher aus dieser Ära weiß ich: Das intime, alles-mögliche-kann-passieren-Gefühl der Nacht steht im Kontrast zu den polierten Formaten des Tageslichts. Die Dunkelheit erlaubt es uns, ungestört zu experimentieren und zu beobachten.

Das Internet hat die Nacht verbannt – Warum wir sie dringend zurück brauchen

Wie die Autorin Helena Fitzgerald in einer Folge von Digital Human es treffend beschreibt: Es ist diese emotionale Intimität, die letzten Wachenden auf einer Pyjamaparty. Vor gut 20 Jahren, zur Zeit meiner schmierigen Dreharbeiten, bot das Internet genau das – rund um die Uhr.

Für eine Generation, die im digitalen Raum aufwuchs, löste sich 'Nacht' von der Uhrzeit. Irgendwo war es immer tiefste Nacht, und das prägte Websites, Chats und Kreationen: Ein Raum extremer, ungezügelter Kreativität für Kunst, Ideen und Selbstentfaltung.

Heute hat das Internet die Nacht verdrängt. 24/7-Nachrichtenflut und ständige Social-Media-Updates zwingen uns in den Tagesmodus. Unser Online-Ich spiegelt das reale – überwacht von Unternehmen, die Daten tracken. Irgendwo ist immer Mittag, und Abgründe meiden wir.

Wir brauchen nächtliche Oasen, um Geheimnisse zu teilen, Emotionen auszudrücken und Fantasien zu leben. Das Wissen, dass fast alle schlafen, schafft eine exklusive Realität mit den wenigen Wachenden. Früher war das Internet unser Treffpunkt. Heute flüchten wir offline – mit Taschenlampen und Gruselgeschichten unters Bett, um den Tageslärm zu übertönen.

  • Dieses Interview erschien zuerst in Ausgabe 357 des BBC Science Focus Magazine.