In meiner Nähe liegt ein Wald, durch den ich fast täglich spaziere oder laufe. Selbst an regnerischen Wintertagen genieße ich es, zwischen den Bäumen zu sein – wobei ich beim Laufen ehrlich gesagt Kopfhörer trage, um die Schmerzen in der Lunge zu ignorieren.
Aber vielleicht sollte ich öfter innehalten und meine Umgebung bewusst wahrnehmen, um ein Gefühl der Ehrfurcht zu wecken. Das könnte meine Freude steigern und sogar die Intensität meines Lächelns verstärken. Diese Erkenntnis stammt aus einer Studie in der Fachzeitschrift Emotion.
Als Arzt und Moderator der BBC-Serie Trust Me, I’m A Doctor habe ich vor Jahren selbst untersucht, ob Zeit in der Natur messbare Vorteile bringt. Zusammen mit Forschern der University of Edinburgh rekrutierten wir Freiwillige und teilten sie zufällig in zwei Gruppen ein: Eine Kontrollgruppe und eine, die pro Woche einige Stunden in der Natur verbringen sollte.
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Die Interventionsgruppe nutzte Pausen in Parks zum Entspannen oder sanften Spazierengehen – ohne intensive Bewegung, um den Effekt der Natur isoliert zu testen. Vorher und nachher füllten die Teilnehmer Fragebögen zu positiven Emotionen, Erregung und Stress aus. Wir maßen zudem den Cortisolspiegel, das Stresshormon.
Nach nur drei Wochen sank der Cortisolspiegel, und der wahrgenommene Stress nahm um 30 Prozent ab. Überraschend spielte das Wetter keine Rolle – ein Freiwilliger hielt sogar einen Hagelsturm aus.
Wir konnten also belegen: Zeit im Grünen fördert die mentale Gesundheit. Aber verstärkt ein bewusster Fokus auf Ehrfurcht diese Effekte?

Diese Frage stellten Wissenschaftler des Memory and Aging Center an der University of California, San Francisco. Sie teilten 60 Freiwillige in zwei Gruppen: Eine grübelte acht Wochen lang bei wöchentlichen 15-minütigen Spaziergängen über Alltagsthemen wie Urlaub oder Arbeit. Die andere Gruppe richtete den Blick auf Blätterfarben, Lichtspiele und awe-erregende Details der Natur.
Fragebögen zeigten: Die achtsame Gruppe profitierte stärker. Ein highlightendes Detail: Selfies nach den Spaziergängen offenbarten ein zunehmend intensiveres Lächeln bei den "Ehrfurcht"-Spaziergängern. Zeit, mehr Bäume zu umarmen!
- Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 357 von BBC Science Focus.