Aus dem Nichts blendet eine Glühbirne auf und taucht eine junge Frau in grelles Licht. Ihre Augen gewöhnen sich an die Helligkeit, weiten sich dann vor Schreck: Eine kleine, graue Gestalt materialisiert sich vor ihr.
Einige Wochen später ist die Frau schwanger – ohne körperliche Empfängnis. Die Schwangerschaft geht auf dieses unheimliche Erlebnis zurück. Nachts durchbrechen Fragmenthafte Erinnerungen an ein fremdes, irdisches Wesen ihre Träume.
Dieses Szenario kennen nicht nur Sci-Fi-Fans. Eine der bekanntesten Geschichten der Menschheit beschreibt Ähnliches: Ein himmlisches Wesen schwängert auf rätselhafte Weise eine junge Frau.
In der Bibel führte vor über 2.000 Jahren der Besuch eines Engels zur Geburt des Christentums. Heute sehen viele den Glauben an Außerirdische nicht nur als Spekulation, sondern als Ersatzreligion. Wissenschaftler entdecken faszinierende Verbindungen zwischen beidem.
Aliens als Ersatz für Religion
Andrew Abeyta, Assistenzprofessor für Psychologie an der North Dakota State University, USA, erforscht den Sinn des Lebens. Als Co-Autor der Studie „We are not alone“ (2017) fand er: Wer an Aliens glaubt, tendiert weniger zu religiösem Glauben.
„Religion bietet eine starke Quelle für Lebenssinn. Sie lässt uns wichtig fühlen, als sei unser Dasein geplant und zweckbestimmt“, erklärt Abeyta. „Wer Religion ablehnt, verliert dieses Bedürfnis nicht. Stattdessen suchen viele Alternativen wie UFO-Verschwörungen oder kleine grüne Männchen – um Sinn zu kompensieren.“
Das heißt nicht, dass jeder Kirchenaustritt zu Alien-Glauben führt. Doch es offenbart ein universelles menschliches Verlangen: Antworten auf „Warum sind wir hier?“
Forscher der Universität Fribourg bestätigen: Gläubige an höheren Zweck, wörtliche Bibelwahrheit oder göttliche Schöpfung neigen stärker zu Verschwörungstheorien.
„Glaube an Verschwörungen korreliert mit Religiosität, negativ mit Bildung“, sagt Karen Douglas, Professorin für Sozialpsychologie an der University of Kent. „Hochgebildete lehnen sie eher ab; benachteiligte Gruppen sind anfälliger.“
Der Reiz des Eskapismus
Verschwörungstheorien bieten Flucht. Eine Ipsos-Umfrage (Januar 2020) ergab: Jeder zweite US-Amerikaner glaubt an UFOs, die Erde besucht haben. Vor der Pandemie! Heute, inmitten von Unsicherheit, dürften die Zahlen höher sein.
„Verschwörungstheorien blühen in Krisen“, betont Douglas. „Isolation und Frustration treiben Menschen dazu, Trost in alternativen Erklärungen zu suchen.“
Wie Erwartungen Erinnerungen formen
Bei Theorien zu Aliens, 5G oder Impfungen wird Logik oft als Vertuschung abgetan.
„Menschen sind anfällig, wenn Bedürfnisse wie Sicherheit und Kontrolle fehlen“, erklärt Douglas. „Ohne befriedigende offizielle Erklärungen wirken Verschwörungen attraktiv.“
Der Prototyp: Roswell 1947. Nach dem Zweiten Weltkrieg barg das Roswell Army Air Field Trümmer eines Wetterballons – offiziell. Doch die Roswell Daily Record-Titelseite titelte: „RAAF erbeutet fliegende Untertasse“.
Daraus entstand eine Industrie aus Büchern, Serien und Filmen: Ein UFO, Alien-Leichen, versteckt in Area 51. 1994 enthüllte das Militär Projekt Mogul – doch der Mythos lebt.

Psychologe Chris French, emeritierter Professor an der Goldsmiths University of London und Ex-Herausgeber von The Skeptic, ist nicht überrascht. „Vorherige Überzeugungen formen Wahrnehmung durch Top-down-Verarbeitung.“
Beispiel „fliegende Untertassen“: Kenneth Arnold sah 1947 neun Objekte, beschrieb ihre Bewegung wie eine „Untertasse übers Wasser“. Medien machten daraus Scheiben-UFOs – und Sichtungen folgten.
„French zeichnete Arnold-Skizzen: Bumerangförmig. Doch Berichte wurden tellerförmig – klassische Top-down-Einflüsse.“
Gläubige sehen Lichter als UFOs, erinnern sich selektiv. Gedächtnis ist fehlbar: „Aufrichtige Zeugen fügen unwahre Details hinzu“, sagt French.
Experimente zu falschem Gedächtnis belegen es: Wörter wie Schlummern, Schnarchen, Träumen... Viele erinnern sich fälschlich an „Schlaf“.
Angst, Alpträume und Alien-Begegnungen
Harvard-Studie (2002, Prof. Susan Clancy): Entführungsgläubige sind anfälliger für falsche Erinnerungen als Skeptiker.
„Unerklärliche Erlebnisse werden als Alien-Entführung interpretiert“, sagt French. Andere Erklärungen: Traumatisierungen oder Schlaflähmung mit Halluzinationen, ähnlich Inkubus-Mythen.
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Die Pandemie könnte Alien-Glauben schüren – Krisen nähren Verschwörungen, warnt Douglas.
Überzeugen? Frühe Fakten vor Theorien wirken: Impfstoff-Studien zeigten, Wissenschaft dämpft Verschwörungseinfluss.

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- Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 357 des BBC Science Focus Magazine.