Sind wir Menschen Tiere? Für viele klingt diese Frage heute absurd – natürlich sind wir es! Als Biologe mit jahrelanger Erfahrung in der Evolutionsforschung weiß ich: Wir teilen fundamentale Merkmale mit allen Lebewesen.
Wir bestehen aus Zellen mit genetischem Material, suchen aktiv nach Energie, um unseren Körper zu nähren, und scheiden Abfall aus. Unsere fünfstelligen Hände und Füße, nachdenklichen Augen und schlanke, muskulöse Körper ähneln stark unseren Artgenossen. Lungen, Herz, Gehirn, Nervensystem – all das verbindet uns mit anderen Säugetieren.
Denken Sie an den „Knoten“ (das Protein des NODAL-Gens), entscheidend für die embryonale Entwicklung und unsere innere Asymmetrie. Vor einem Jahrzehnt entdeckten Wissenschaftler, dass genau dieses Molekül der Schnecke ihre schiefe Gehäusewindung verleiht. Ein klares Zeichen: Alles Leben ist miteinander verwandt.
Warum haben wir den Großteil der Geschichte damit verbracht, das Gegenteil zu behaupten? Warum fasziniert die Idee, wirklich keine Tiere zu sein, uns noch immer?
Im klassischen Denken besaß jedes Leben eine Seele, doch menschliche Seelen galten als überlegen – nur Engel und Gott standen höher. Mit der Aufklärung und dem wissenschaftlichen Rationalismus wandelten Humanisten dies um: Unser außergewöhnlicher Verstand, fähig zu Moral und freiem Willen, trennt uns von anderen Lebewesen. Mancherorts hieß es sogar, wir sind unsere Gedanken – getrennt vom Körper. Diese Denkweise hält sich hartnäckig.
Theologen, Philosophen, Juristen und selbst Wissenschaftler vertreten oft, dass „Menschsein“ etwas Besonderes, Nicht-Biologisches ist, trotz tierischer Ähnlichkeiten.
Dies mindert den Wert unseres physischen, tierischen Daseins – von Kinderspielen bis zur Freude eines Lächelns.
Für uns gelten Sonderregeln: Wir dürfen Erdrressourcen monopolisieren und andere Arten ausbeuten – nicht als Tiere, sondern als einzigartige Wesen. Ohne Auseinandersetzung damit bleibt unsere Zerstörung kaum zu stoppen.
Unterscheidet sich der menschliche Verstand vom tierischen?
Manche Kognitionswissenschaftler und Tech-Experten sehen den Geist als Formel, die wir aus dem Körper lösen und in Roboter oder Computer laden könnten.
Neurowissenschaftler betonen oft nur das Gehirn; Philosophen wie Derek Parfit sagten: „Der Körper unterhalb des Halses ist kein wesentlicher Teil von uns.“ Aktuelle Forschung widerlegt das jedoch.
Unsere mentale Welt – unsere „Erfahrung“ – wird von Darmbakterien bis Gliedmaßen geprägt. Studien bei Organtransplantationspatienten zeigen: Ein fremdes Organ stört Hormone, Neuronenfeuer und damit Identität, Geist und Stimmung.
Geht es beim Denken um reines Rechnen – algorithmische Verarbeitung – oder um affektive Zustände, die Gedanken mit Emotionen verknüpfen?
Wenn emotionale Welten zentral für Menschsein sind, zählt unser hormonell geprägtes, physisches Wesen mehr als gedacht. Das gilt besonders bei Technologien wie Smartphones oder Neuralinks, wie Elon Musk sie 2020 vorstellte.
Unsere Sicht auf tierisches Leben beeinflusst, wie wir andere Arten bewerten. Viele Rechte sehen nur menschliche Erfahrungen als moralisch voll wertvoll – Tiere hätten keinen echten Geist.
Solche Ansichten verlieren an Boden. 2012 proklamierten führende Wissenschaftler in der Cambridge Declaration on Consciousness: Bewusstsein ist bei Säugetieren, Vögeln und Kopffüßlern weit verbreitet.
Fehlende menschliche Subjektivität mindert nicht den Wert tierischer Erfahrungen. Gefühl und Intelligenz sind evolutionäre Vorteile, die sich mehrmals entwickelt haben.
Neurowissenschaftler Randolf Menzel betont: Kein Gehirn ist „strukturell einfach“. Honigbienen haben 960.000 Neuronen in Gesellschaften von 50.000 Kooperierenden.
Es geht über Neuronenzahlen hinaus: Soziale Arten wie Hunde oder Grindwale haben reichhaltige Vorderhirne. Je mehr wir forschen, desto vielfältiger offenbart sich Erdenleben.
Am Abgrund der Biodiversitätskrise und Technologisierung müssen wir unseren tierischen Wert neu schätzen – und Demut walten lassen. Nur so sind wir moralisch und mental zukunftsfest.
