Synästhesie ist ein faszinierendes neurologisches Phänomen, bei dem die Reizung eines Sinns automatisch Empfindungen in einem anderen Sinn auslöst. Stellen Sie sich vor, Sie sehen bunte Farben, wenn Musik erklingt, oder schmecken Aromen, sobald Sie bestimmte Wörter aussprechen. Der Begriff leitet sich vom Griechischen ab: „syn“ für Vereinigung und „aisthesis“ für Empfindung – also wörtlich „Vereinigung der Sinne“.
Es existieren über 70 Formen der Synästhesie, die sensorische Reize miteinander verknüpfen. Gemeinsam ist allen: Die Assoziationen sind unwillkürlich, bestehen seit der Kindheit und bleiben ein Leben lang stabil. Neurowissenschaftler vermuten, dass zusätzliche Verbindungen zwischen sensorischen Gehirnregionen die Ursache sind, die eine Kreuzaktivierung ermöglichen.
In den 1990er Jahren legten fMRT-Studien mit Tonfarben-Synästhetikern den Grundstein: Bei Tönen zeigten sie Aktivität in visuellen Hirnregionen – ein Effekt, der bei Nicht-Synästhetikern fehlt. Heutige Forschung offenbart: Die weiße Substanz im Gehirn synästhetischer Personen ist anders strukturiert, und sie weisen mehr graue Substanz in Arealen für Wahrnehmung und Aufmerksamkeit auf.
Alle Babys starten mit vielen Querverbindungen im Gehirn, die bei den meisten in der frühen Entwicklung zurückgebaut werden. Bei Synästhetikern geschieht dies offenbar weniger ausgeprägt, sodass die Sinne lebenslang verbunden bleiben.

Wann wurde Synästhesie entdeckt?
Schon griechische Philosophen diskutierten im 17. Jahrhundert, ob Farben physikalische Eigenschaften der Musik sind. Der erste dokumentierte Fall stammt von Georg Tobias Ludwig Sachs, einem österreichischen Arzt, der 1812 seine farbigen Wort- und Musikerlebnisse beschrieb.
Im 19. Jahrhundert geriet das Thema in Vergessenheit, bis es in den 1980er Jahren als neurologische Realität anerkannt wurde. Seitdem entschlüsseln Forscher die genetischen, neurologischen und psychologischen Ursachen – doch viele Rätsel persistieren.
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Welche Sinne verbindet Synästhesie?
Synästhesie kann nahezu alle sensorischen Modalitäten verknüpfen. Häufige Varianten: Graphem-Farb-Synästhesie (buchstaben- oder zahlenbezogene Farben), Chromästhesie (Farben bei Klängen oder Musik) und lexikalisch-gustatorische Synästhesie (Geschmacksempfindungen zu Wörtern).

Die individuellen Assoziationen sind einzigartig – der Buchstabe „t“ ist für den einen rot, für den anderen blau. Oft wurzeln sie in Kindheitserinnerungen, wie Farben von Spielzeug.
Bringt Synästhesie Vorteile?
Synästhetiker genießen reichhaltigere Sinneserfahrungen, die Kreativität beflügeln. Viele kanalisieren dies in Kunst und Musik: Pharrell Williams, Mary J. Blige und Lady Gaga berichten von Chromästhesie, Richard Feynman nutzte Graphem-Farben für Mathe.

Weitere Pluspunkte: Bessere Gedächtnisleistung, schnellere Verarbeitung. Bei Kindern fördert es Wortschatz und Lesefähigkeiten; im Alter bleibt das Gedächtnis jugendlich vital. Manche erwerben Synästhesie-ähnliche Fähigkeiten durch Training oder nach Hirnverletzungen. Forscher testen, ob dies Demenz vorbeugt oder Autismus, Legasthenie und ADHS lindert.

Habe ich Synästhesie?
Studien von Prof. Jamie Ward und Prof. Julia Simner (University of Sussex) schätzen 4 % der Bevölkerung mit gängigen Formen betroffen. Lexikalisch-gustatorisch schmecken Wörter wie Tropfen auf der Zunge; Spiegelberührungs-Synästhetiker spüren Berührungen selbst. Andere sehen Formen oder Auren bei Klängen. Klingt vertraut? Prüfen Sie es!
Familiäre Häufung deutet auf Gene hin. Dr. Simon Fishers Team (Max-Planck-Institut) fand sechs Varianten bei Klangfarben-Synästhesie, die Gehirnkonnektivität beeinflussen.
- Dieser Artikel erschien zuerst in BBC Science Focus Magazine Ausgabe 374.
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