Etwa 400 Millionen Menschen könnten bis zum Ende des Jahrhunderts jedes Jahr Küstenüberschwemmungen ausgesetzt sein, wenn die Eisschmelze in Grönland in diesem Tempo anhält. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommen renommierte Wissenschaftler.
Das sind 40 Millionen mehr als die Prognosen des Weltklimarats (IPCC), einer führenden UN-Organisation zur Bewertung der Klimaforschung.
Eine aktuelle Studie belegt, dass Grönlands Eis schneller schmilzt als zuvor angenommen. Ohne Gegenmaßnahmen gegen die globale Erwärmung prognostizieren die Forscher einen Meeresspiegelanstieg um 67 Zentimeter bis 2100.

Dr. Andrew Shepherd, Professor für Erdbeobachtung an der University of Leeds, erklärt: „Als Faustregel gilt: Für jeden Zentimeter Meeresspiegelanstieg sind weltweit sechs Millionen Menschen zusätzlich Überschwemmungsrisiken ausgesetzt.“
„Bei den aktuellen Trends bedroht Grönlands Eisschmelze bis zum Ende des Jahrhunderts jährlich 100 Millionen Menschen – insgesamt 400 Millionen durch den Meeresspiegelanstieg. Das sind keine hypothetischen Szenarien, sondern reale Bedrohungen mit verheerenden Folgen für Küstengemeinden.“
2013 prognostizierte das IPCC einen mittleren Meeresspiegelanstieg um 60 Zentimeter bis 2100, abhängig von verschiedenen Szenarien.
Die neuen Daten zeigen jedoch, dass Grönlands Eisverluste dem Worst-Case-Szenario des IPCC entsprechen und einen zusätzlichen Anstieg um sieben Zentimeter verursachen könnten.
Dr. Shepherd ergänzt: „Grönland folgt dem oberen Ende der IPCC-Projektionen. Die mittelfristigen Prognosen bestimmen nun unser Zukunftspotenzial.“

Ein Team von 96 Polarwissenschaftlern aus 50 internationalen Institutionen lieferte die Ergebnisse, die in Nature veröffentlicht wurden.
Sie analysierten Modelle unter Einbeziehung von Satellitendaten zum Volumen und Abfluss des grönländischen Eisschilds von 1992 bis 2018.
Seit 1992 hat Grönland 3,8 Billionen Tonnen Eis verloren, was den globalen Meeresspiegel um 10,6 Millimeter ansteigen ließ.
Simulationen offenbaren eine Beschleunigung des Eisverlusts bis 2013, gefolgt von einer Verlangsamung während kühlerer Meeres- und Atmosphärentemperaturen.
Steigende Luft- und Wassertemperaturen fördern das Oberflächenschmelzen und beschleunigen den Gletscherabfluss.
Grönland lagert genug Eis, um den Meeresspiegel um sechs Meter anzuheben. Präzise Messungen des Verlusts sind entscheidend, um die Klimawandelrisiken zu verstehen.
Guðfinna Aðalgeirsdóttir, Glaziologie-Professorin an der Universität Island und Hauptautorin des sechsten IPCC-Berichts (nicht an der Studie beteiligt), betont: „Satelliten zeigen zunehmendes Schmelzen und Abfluss aus Grönland. Kontinuierliche Überwachung der Eisschilde ist essenziell, um den jährlichen Meeresspiegelbeitrag zu quantifizieren.“